Unter der Fuchtel Gottes?

by | Juli 7, 2026 | Glaube & Religion, Persönliche Gedanken, Spiritualität | 0 comments

Warum wird von mir Toleranz gegenüber den unterschiedlichsten Lebensentwürfen erwartet

– aber meine spirituelle Überzeugung scheint für viele keine Toleranz zu verdienen?

Genau diese Frage hat mich dazu gebracht, diesen Artikel zu schreiben.

Wir leben in einer Zeit, in der Vielfalt, Akzeptanz und Offenheit großgeschrieben werden. Das finde ich grundsätzlich gut. Jeder Mensch sollte seinen eigenen Weg gehen dürfen – unabhängig davon, wen er liebt, wie er lebt oder woran er glaubt.

Doch genau beim Thema Spiritualität nehme ich immer wieder einen Widerspruch wahr. Sobald ich erzähle, dass ich spirituell arbeite, wird fast automatisch angenommen, dass ich mit Gott arbeite. Oder mit Gott und Engeln. Diese Annahme begegnet mir immer wieder – beim Kartenlegen, in Gesprächen über Energiearbeit oder einfach dann, wenn Menschen hören, dass ich spirituell tätig bin. Es scheint für viele selbstverständlich zu sein, dass Spiritualität nur in Verbindung mit dem christlichen Gott existieren kann.

Doch genau das ist mein Problem. Warum wird das überhaupt vorausgesetzt? Warum muss Spiritualität automatisch christlich sein? Ich arbeite nicht mit dem abrahamischen Gott. Das ist nicht mein spiritueller Weg. Trotzdem habe ich oft das Gefühl, mich dafür rechtfertigen zu müssen. Und genau das stört mich. Ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn Menschen Christen, Muslime, Buddhisten oder Anhänger einer anderen Religion sind. Jeder soll glauben dürfen, was sich für ihn richtig anfühlt. Aber warum gilt diese Freiheit scheinbar nicht in die andere Richtung? Warum wird so oft selbstverständlich angenommen, dass jeder an denselben Gott glaubt?

Für mich sind Glaube und Religion zwei unterschiedliche Dinge. Religion ist ein System. Sie gibt Regeln, Traditionen und Weltbilder vor. Glaube hingegen ist etwas Persönliches. Er entsteht aus Erfahrungen, aus innerer Überzeugung und aus dem, was sich für einen selbst wahr anfühlt.

Deshalb irritiert es mich, wenn Menschen selbstverständlich davon ausgehen, dass mein spiritueller Weg automatisch mit ihrem identisch sein muss. Gerade in der spirituellen Szene fällt mir das immer wieder auf. Engel gelten grundsätzlich als die guten Wesen. Rein. Liebevoll. Lichtvoll. Mit weißen Flügeln, goldenem Glanz und einem sanften Lächeln. Meine Erfahrungen sind andere. Ich nehme diese Wesen nicht so wahr. Und ich halte es für problematisch, wenn Licht automatisch mit Gut und Dunkelheit automatisch mit Böse gleichgesetzt wird. Die Welt ist selten so einfach. Auch spirituelle Wesenheiten sind – unabhängig davon, wie man sie versteht – in vielen Überlieferungen komplexer, als moderne Esoterik sie oft darstellt.

Genau deshalb wünsche ich mir, dass wir wieder anfangen, Fragen zu stellen

  • Wer hat eigentlich entschieden, dass Engel grundsätzlich die Guten und Dämonen grundsätzlich die Bösen sind?
  • Woher stammen diese Vorstellungen überhaupt?
  • Warum wird Spiritualität heute fast automatisch mit dem christlichen Weltbild verbunden?

Ich begegne immer wieder spirituellen Angeboten, in denen selbstverständlich von Engeln gesprochen wird. Es werden Engelkarten gezogen, Botschaften der Engel vermittelt oder Rituale ausschließlich auf Gott und Engel ausgerichtet. Das ist für viele Menschen völlig normal geworden.

  • Aber warum eigentlich?
  • Warum hinterfragen wir diese Vorstellungen so selten?

Ich finde, Spiritualität sollte nicht bedeuten, Glaubenssätze ungeprüft zu übernehmen. Für mich bedeutet sie, neugierig zu bleiben, zu forschen und den Mut zu haben, auch unbequeme Fragen zu stellen. Mich wundert deshalb immer wieder, wie selbstverständlich manche spirituellen Konzepte übernommen werden, ohne sie zu hinterfragen. Was mich zusätzlich beschäftigt, ist ein gesellschaftlicher Widerspruch.

Von uns wird heute erwartet, tolerant zu sein. Wir sollen unterschiedliche Lebensmodelle respektieren, Menschen nicht aufgrund ihres Aussehens, ihrer Herkunft, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Lebensweise verurteilen. Und das halte ich grundsätzlich für richtig.

Doch gleichzeitig erlebe ich, dass diese Toleranz manchmal dort endet, wo jemand eine spirituelle Überzeugung vertritt, die nicht in das gewohnte Bild passt. Wenn ich sage, dass ich nicht mit dem christlichen Gott arbeite, reagieren viele überrascht. Manche erschrecken sogar. Dabei möchte ich niemanden bekehren. Ich möchte niemandem seinen Glauben ausreden. Ich möchte niemandem erzählen, dass mein Weg der bessere ist.

Ich wünsche mir lediglich dieselbe Offenheit, die heute in so vielen anderen Bereichen eingefordert wird. Nicht jede spirituelle Praxis muss christlich geprägt sein. Nicht jeder Mensch arbeitet mit Engeln. Nicht jeder glaubt an den abrahamischen Gott. Und das sollte genauso selbstverständlich akzeptiert werden wie jede andere persönliche Glaubensentscheidung.

Vielleicht ist es an der Zeit, Spiritualität wieder als das zu verstehen, was sie eigentlich sein sollte: ein individueller Weg.

Ein Weg, den jeder Mensch selbst entdecken darf.

Ohne Rechtfertigung. Ohne Schubladen. Und ohne die Erwartung, dass es nur einen einzigen richtigen Weg gibt.

Deine Erfahrung zählt!

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